… DIin Angelika Krainer

Volksschule Schwefel: "Lieblingsorte" © Angelika Krainer
Volksschule Schwefel: "Lieblingsorte" © Angelika Krainer
Raum-Zeit-Diagramm © Angelika Krainer
Raum-Zeit-Diagramm © Angelika Krainer
Schaubild Schulhof © Angelika Krainer
Schaubild Schulhof © Angelika Krainer
Cluster © Angelika Krainer
Cluster © Angelika Krainer
Außenanlage © Angelika Krainer
Außenanlage © Angelika Krainer

… DIin Angelika Krainer

Angelika Krainer beschäftigte sich im Rahmen ihrer Masterarbeit mit den räumlichen Anforderungen und Potentialen der verschränkten Ganztagsschule. Bei dieser Schulform wechseln sich Unterrichts-, Lern- und Freizeiteinheiten im Verlauf eines Schultages ab bzw. gehen fließend ineinander über.[1]

Im Forschungsfeld der Projektschule Graz, einer der ältesten verschränkten Ganztagsschulen Österreichs, hat Frau DIin Krainer vorrangige soziale Organisationsformen und Aktivitäten im Tagesablauf bzw. in Bezug auf die genutzten Schulräume untersucht– und SchülerInnen und LehrerInnen dabei miteinbezogen.

Wir haben unsere Interviewpartnerin vor allem zu ihren Erfahrungen in Bezug auf die Beteiligung der Kinder und die Auswirkungen der Erkenntnisse auf ihren Entwurf befragt.

 

Kinderbüro: Der Schulbau – und speziell die Form der Ganztagsschule – sind ein hochaktuelles Thema. Du hast dich damit in deiner Masterarbeit intensiv auseinandergesetzt. Welche Herausforderungen siehst du dabei für PlanerInnen, welche Themen spielen deiner Meinung nach eine große Rolle?

Angelika Krainer (A.K.): Ja, die verschränkte Ganztagsschule ist ein sehr aktuelles Thema. Die Betreuungsquote in Ganztagsschulen soll mit der im Herbst 2017 in Kraft getretenen Bildungsreform von 20% auf 40 % erhöht werden[2], insbesondere die verschränkte Ganztagsform. Dadurch entstehen neue Herausforderungen für die Planung dieser Einrichtungen.

Wesentlich ist dabei eine ganzheitliche Sicht auf das Lernen und Leben der Kinder. In einem Schulkonzept, in dem sich Lern- und Freizeitphasen ineinander verschränken, ist es nicht sinnvoll, Lernräume und Freizeiträume räumlich voneinander zu trennen. Diese sollten in einem Raumkonzept verbunden werden und vielfältige Aktivitäten, Lernformen und soziale Organisationsformen nebeneinander ermöglichen und in allen Phasen des Schultags genutzt werden können.

 

Kinderbüro: Du hast die Projektschule Graz für deine Feldforschung ausgewählt. Warum?

A.K.: Um Antworten in Bezug auf Planungsanforderungen der verschränkten Ganztagsform zu bekommen, war für mich wichtig, ein bewährtes System zu betrachten und die Erfahrungen der AkteurInnen darin zu beobachten bzw. die räumliche Komponente zu erheben. Es ist wichtig, von gut funktionierenden Projekten zu lernen.

Bei der Projektschule gibt es das System der verschränkten Ganztagsform schon seit 35 Jahren, sie ist eine der ältesten Schulen mit einem offenen System und Lernzielbeurteilung österreichweit. Die Schule wurde sowohl pädagogisch als auch räumlich an die Kinder angepasst. Die Schule ist räumlich nicht perfekt, aber sie funktioniert im Alltag, ist lebendig und wird kontinuierlich weiterentwickelt.

 

Kinderbüro: Du hast in deiner Arbeit Methoden wie die „Raum-Zeit-Analyse“ und die „Vor-Ort-Begehung“ angewandt, mit denen auch wir im Kinderbüro arbeiten. Für die meisten PlanerInnen ist diese Art der Planungsvorarbeit noch neu. Wie ist es dir damit ergangen, was waren deine Erfahrungen?

A.K.: In der Raum-Zeit-Analyse, in der die Aktivitäten und sozialen Organisationsformen im Tagesablauf mit den räumlichen Gegebenheiten in Verbindung gebracht wurden, habe ich herausgefunden, dass soziale und räumliche Verdichtung und Ausdehnung ein wesentlicher Teil des Tagesablaufs bilden. In den Lernphasen wiederholt sich das Zusammenziehen der Klassengruppe in Kreisform und das Ausschwärmen in der offenen Lernzeit. Die Kinder suchen sich dann eine für sie passende räumliche Arbeitssituation und nutzen dazu neben dem Klassenzimmer auch Garderobe, Pausenraum und Speisesaal. In der Freizeit stehen den Kinder alle Schulräumlichkeiten und der Garten zur freien Nutzung zur Verfügung und die Klassengruppen lösen sich auf.

Durch die Arbeit mit den Kindern hat sich dann diese Erkenntnis verstärkt.

 

Kinderbüro: Könntest du das an konkreten Beispielen erklären?

A.K.: Es gibt zwei Beispiele:

Viele Kinder haben überraschenderweise den Klassenraum als Lieblingsort beschrieben. Sie beschreiben diesen Raum als ruhigen Ort, wo man sich ausruhen kann und seine Freunde trifft. Das habe ich erst durch die Raum-Zeit-Diagramme verstanden. Der Lieblingsort bezieht sich dort auf die Zeit der ungeplanten Freizeit, in der der Klassenraum zum Rückzugsraum wird, während Gang und Pausenräume zu Treffpunkten und Bewegungsräumen werden und viele Kinder in den Garten ausschwärmen. Hier gewinnt der Raum an Bedeutung als Home-Base, in dem sich die Kinder zurückziehen. Wie diese Home-Base aussehen muss, das ist eine ganz andere Frage.

Ich erinnere mich noch an eine zweite wichtige Situation, als die Kinder bei der Begehung ihr „Lager“ im Garten präsentiert haben, eine ganz besondere Art des Spielens im naturnahen Raum wird hier gelebt. Die Lager befinden sich in den wildbewachsenen Randzonen des Schulgartens und haben genau festgelegte Grenzen. Jeweils eine Kindergruppe von ca. 10 Personen ist der Eigentümer eines Lagers. Dieses Lager ist dann wirklich der private Raum der Kinder für die sie selbst verantwortlich sind. Für viele Kinder ist ihr Lager ihr Lieblingsort an der Schule. In der ungeplanten Freizeit arbeiten sie hier mit Rechen sägen und Schaufeln, gestalten ihren Raum pflanzen Blumen und Kräuter und pflegen diese, bauen Behausungen für Wildtiere, spielen Rollenspielen oder ziehen sich einfach zurück um zu beobachten und sich zu erholen. Im Raum-Zeit Diagramm wurde sichtbar, wie vielfältig die Aktivitäten sind, denen die Kinder in der ungeplanten Freizeit nachgehen und die wesentliche Rolle, die der Raum dabei spielt, um diese möglich zu machen.

 

Kinderbüro: Rückblickend gesehen: Hat die Sicht der Kinder deine ursprünglichen Entscheidungen verändert oder bestärkt? Was hat gut funktioniert, was nicht?

A.K.: Ich habe beispielsweise die Entscheidung getroffen, den Zugang zum Außenraum leicht zu ermöglichen. Daher habe ich mich unter anderem für dezentrale Garderoben entschieden. Jeder Cluster hat einen direkten Zugang in den naturnah gestalteten Außenraum der Schule, den die Kinder eigenständig erkunden können.

Ich habe herausgefunden wie wichtig für Kinder nicht einsehbare Orte sind. Für Erwachsene sind übersichtliche Räume essentiell für den offenen Unterricht und die ungeplante Freizeit, für Kinder ist das anders. Sie schaffen Höhlenkonstruktionen, wo man Vorhänge installieren kann. Sie haben sich überlegt, wie man den Raum unterteilen kann, um Rückzugsbereiche zu schaffen.

Es geht um das Spannungsfeld, das sich aufbaut zwischen den übersichtlichen Räumen, um die Beaufsichtigung zu gewährleisten, und den unbeaufsichtigten, in denen sie Kinder dem Bedürfnis nach Rückzug nachgehen können. Und es ist die planerische Aufgabe, darauf Antworten zu finden.

 

Kinderbüro: Wie hast du dieses Spannungsfeld in deinem Entwurf aufgelöst?

A.K.: Ich habe eine sehr offene multifunktionale Spiel- und Lernlandschaft geplant und habe in diese eine Rückzugsinsel auf zwei Ebenen für die Kinder geplant, welche wenig Einblick und viele Ausblicke ermöglicht. Ohne die Kinder hätte ich diese Entscheidung so nicht getroffen.

 

Kinderbüro: Was können PlanerInnen daraus lernen? Was kommt auf PlanerInnen deiner Meinung nach zu?

A.K.: Klassen werden zu Ganztagsklassen umgewandelt. Das stellt eine Riesenherausforderung dar. Damit das Konzept der verschränkten Ganztagsschulform funktioniert, sind die Räume, in denen man sich ausbreiten und verteilen und zurückziehen kann essentiell.

Es ist die Aufgabe der Gemeinden, von bestehenden Systemen und Fachleuten der entsprechenden Fachdisziplinen für weitere Projekte zu lernen und Grundlagen wie zum Beispiel Planungsleitfäden zu erstellen. Die Entwurfsarchitektin oder der Entwurfsarchitekt braucht gute Grundlagen, um den Entwurf zu erstellen.

Generell beeinflussen die Räume die Möglichkeiten, die Kinder haben. Es ist zu wichtig, dass man diese Anforderungen nicht übergeht und pädagogische Systeme nicht ändert, ohne die geeigneten Räume dafür zu schaffen.

 

Kinderbüro: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte DIin Katja Hausleitner. Sie ist im Kinderbüro verantwortlich für den Bereich „Wohnen Stadt Verkehr“.

 

Zur Person:

DIin Angelika Krainer  hat ihr Architekturstudium an der TU Graz mit der Masterarbeit: “Volkschule Schwefel. Verschränkte Ganztagsschule, räumliche Anforderungen und Potenziale“ abgeschlossen. Die Arbeit wurde für den GAD Award 2017 nominiert. Sie arbeitet im Baumanagement der GBG unter anderem am Grazer Schulausbauprogramm mit und betreut Bauprojekte im Kinderbetreuungsbereich.

 

Druckfrisch ist das Planungshandbuch „Kindergerechte Kinderkrippen und Kindergärten“, in dem es um das Zusammenspiel von Elementar-Pädagogik und kindergerechter Architektur geht. Dieses wurde 2018 vom Kinderbüro in wunderbarer Zusammenarbeit mit dem Referat Kinderbildung und -betreuung der Fachabteilung Bildung und Gesellschaft des Landes Steiermark erstellt.

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[1] BMB Infofolder „Ganztägige Schulformen“

[2] https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/gts/index.html

Komm, lass uns hüpfen, klettern und springen!