Unsere Kinder sind der größte Schatz, den uns das Leben gibt. Sie leben mit uns und sind von unserer Zuwendung und Fürsorge, mit der wir sie bis zur Pubertät in ein eigenständige Leben begleiten, abhängig. Ein weiterer Schatz, den Kinder uns geben, ist ihre unglaubliche Fähigkeit Schwingungen und Stimmungen wahrzunehmen. Sie können das viel besser als die meisten von uns Erwachsenen.


Wir alle erleben gerade wieder verstärkt Herausforderungen, die unseren Alltag (mit-)bestimmen: Unsicherheit, Zweifel, (Existenz-)Sorgen, Ärger über die Maßnahmen und vieles mehr. All diese Gefühle sind unsere stillen Begleiter. Ich nehme diese Grundanspannung in der Gesellschaft derzeit allgegenwärtig wahr: beim Einkaufen, auf der Straße und auch beim Telefonieren mit Freund*innen.

Kinder spüren die Anspannung

Die Fähigkeit von Kindern, Spannungen zu spüren, äußert sich u.a. durch Verunsicherung, Klammern und wenig innere Ruhe. Bei Kindern, die eine noch höhere Sensibilität mitbringen, kann sich das auch darin zeigen, dass sie kaum in einen entspannten Spielfluss finden. Hinzu kommt, dass durch die Ausgangsbeschränkung die meisten zu Hause sind. Homeoffice, Lernen, Haushalt, gesundes Essen, gemeinsame feine Familienzeit, und auch Zeit für sich selbst …. sind Anliegen, die die meisten Familien gern unter einen Hut bringen würden. Erschwerend kommt eine Rollenvermischung hinzu, weil Eltern zumindest teilweise die Aufgabe der Lehrer*innen übernehmen und gefordert sind, Dinge zu machen, die teils nicht ihrer Überzeugung entsprechen. Auch das führt zu Irritation, Frustration und kann zu zusätzlichem Konfliktpotential führen.

Das alles fordert uns als Gesellschaft im Großen und als Familie im Kleinen heraus. Wir, als Eltern wollen es gern für uns und unsere Kinder gut machen – und dieser Anspruch ist in Zeiten wie diesen nicht leicht zu erfüllen. Dabei übersehen wir oft die vielen, kleinen, schönen gelingenden Situationen im Alltag. Die unstimmigen, ärgerlichen oder traurigen
Momente, nehmen gefühlt manchmal Überhand.

Wie aus Spannung wieder Ruhe werden kann

Gleichzeitig sind gerade jene schwierigen Momente Gelegenheiten, um der Spannung und Unsicherheit Raum zu geben, damit diese zuordenbar und greifbar werden können und in weiterer Folge wieder zu Ruhe führen können.

Wie kann es als Erwachsene*r in derart aufgebrachten Situationen gelingen die Verantwortung für die Atmosphäre in der Familie zu übernehmen? Für mich haben sich nach einer „Eskalation“ einige tiefe Atemzüge als hilfreich herausgestellt, damit ich wieder Kontakt zu mir habe und meinen Werten entsprechend in einen Dialog mit allen Beteiligten gehen kann. Ich will gern ein Beispiel geben, um verständlich zu machen, was ich mit Verantwortung meine.

„Puh, das war jetzt ein ganz schön heftiger Konflikt. Wir haben uns angeschrien und keiner hat dem anderen mehr zugehört. Ich habe dich auch angeschrien und nicht zugehört …. und jetzt bin ich traurig, frustriert und ärgerlich und …. Du auch? Ich finde es ist in dieser Corona-Zeit manchmal ganz schön anstrengend für uns als Familie. Wir sind alle viel zu Hause und können dem, was wir gerne machen, wie Freund*innen treffen, Sport, Kultur usw. gar nicht nachgehen. Da schränken wir uns alle grad für die Gemeinschaft ein, und sind dadurch angespannter und leichter reizbar – da ist ja klar, dass wir öfter streiten. Ich mag das aber eigentlich nicht. Wie ist denn das für euch?"

Hier braucht es dann Raum für Antworten und Erzählungen aller Art der Familienmitglieder.

"Aber ich möchte euch auch sagen, dass ich es gleichzeitig sehr wichtig finde, dass wir mit den Maßnahmen kooperieren – weil ältere Menschen den Coronavirus nicht so unbeschwert durchleben wie wir. Auch die Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen haben es, wenn zu viele auf einmal schwer krank werden gar nicht mehr leicht, weil dann zu wenig notwendige Geräte da sind. Ich will sie deshalb so gut wir können unterstützen. Und das Beste was wir tun können, ist oft Händewaschen, unsere Sozialkontakte stark einschränken und zu Hause bleiben.“

Ein Dialog dieser Art macht vorhandene Spannungen greifbar und zuordenbar. Und das ist gerade für die feinen Antennen der Kinder entlastend.

In der Beziehung Verantwortung übernehmen

Übernehmen von persönlicher Verantwortung in der Beziehung bedeutet zum einen, dass jede*r seine eigenen Worte sucht, um auszudrücken, wie es für ihn oder sie gerade ist. Das heißt Worte für die eigene Stimmung zu finden und zur Verfügung zu stellen. Dies führt nicht dazu, wie oft angenommen, dass die Unsicherheit größer wird. Im Gegenteil: Es wertet das aktuelle Erleben der Situation auf, und macht es Kindern möglich, die Erwachsenen als Menschen mit Ängsten und Freuden wahrzunehmen. Wer ist meine Mama und/ oder mein Papa in so einer Situation? Und was tun sie, wenn sie unsicher sind?

Der zweite Aspekt der Verantwortung in der Beziehung ist wie oben angedeutet, das Hören des anderen. Zuhören, ohne gleich zu reagieren und Lösungsvorschläge anzubieten. Zuhören, um noch mehr über das Kind und sein Erleben zu erfahren, auch wenn es betroffen oder traurig macht. Es bedeutet auch mit dem Kind und seinen schwierigen Gefühlen zu
sein
, ohne sie zu relativieren oder zu minimieren. „Ist ja nicht so schlimm.“ oder „Wird schon wieder!“ sind Sätze, die in einer anderen Situation Mut machen, aber in dem Moment der persönlichen Offenheit entmutigend sind, weil den eigenen Gefühlen dann der Wert abgesprochen wird.

Gemeinsam sein in der unsicheren Zeit

Zurzeit ist Unsicherheit eine Sicherheit. Auch da sind wir gefordert dies anzunehmen und mit unseren Kindern auszuhalten. Das, was unseren Kindern Sicherheit und Halt gibt in diesen turbulenten Zeiten, ist ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft, in der die wichtigen Dinge authentische Worte bekommen; in der Erwachsene zeigen, was sie bewegt.

Es berührt uns als Menschen, wenn jemand unsere Empfindungen, wie Ärger, Wut, Traurigkeit wertschätzt, und aushält ohne sie verändern zu wollen. Ehrlichkeit mit der eigenen Überforderung und den Ängsten zeigt unsere Verletzlichkeit. Und wenn wir diese zulassen und andere daran Anteil nehmen lassen, erleben wir Verbundenheit – besonders in den schwierigen Momenten.

Ich wünsche Ihnen Mut und eine Gelegenheit, den Dialog in ihrer Familie zu suchen.

Eröffnen Sie einen Raum, wo jede*r erzählen kann, wie es ihm bzw. ihr gerade geht.

Erstellt am 25.11.2020

Dieser Artikel stammt aus einem Newsletter des Vereins MOMO und wurde uns für den Blog zur Verfügung gestellt herzlichen Dank dafür an Eva Hoffmann!

Gestärkte Kinderrechte:

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