Das Kinderbüro möchte Bewusstsein schaffen – bei VeranstalterInnen und Eltern, aber auch bei den politischen Verantwortlichen. Hierzu führten wir ein Gespräch mit Petra Sudy, Hörakustik-Meisterin beim Unternehmen Neuroth und Expertin für Kinderohren.

Viele Menschen, auch Kinder,  sind von Lärm und Dauerbeschallung betroffen. Sehen Sie das als Problem?
Petra Sudy: Egal, ob Erwachsene oder Kinder, wenn man über einen längeren Zeitraum beschallt wird (85 dB Lärmbelastung als Richtwert), kann es zu einer Hörminderung kommen. Daher ist es nach solch einer Beschallung wichtig, dem Ohr Ruhe zu gönnen.

Was auffällt  ist, dass sich Kinder bei Dauerbeschallung – auch schon unter 85dB – nicht konzentrieren können. Wenn beispielsweise das Radio dauernd läuft, sind Kinder unruhiger und tun sich bei den Schulaufgaben oder beim Lernen schwer. Bei Dauerbeschallung stumpft das Gehör auch in seiner Sensibilität ab.

 

Was können wir bzw. Eltern dagegen tun?
Petra Sudy: Wie gesagt: Ruhephasen sind sehr wichtig! Unsere Aufgabe ist es als Vorbilder zu wirken, indem wir die ständige Beschallung in Form von Radio, Musik, Fernsehen etc. eindämmen. So können dadurch verursachte Belastungen wie Unruhe, Stress, schlechtes Schlafen und Konzentrationsschwierigkeiten vermieden werden.

Generell gilt: Eine ruhigere Umgebung bedeutet besseres Verstehen. In lauter Umgebung versteht man schlechter – unser Kopf muss kompensieren, Hörlücken schließen. Hören wir beispielsweise einen Satz mit 10 Worten und der Lärm überdeckt 2 Worte, dann schließt das Gehirn aus dem Inhalt des Gesagten auf die fehlenden Worte. Schwierig wird es, wenn Kleinkinder die Sprache erst neu erlernen – wie soll da kompensiert werden? Sie lernen die Sprache schlechter, wenn eine ständige Lärmkulisse herrscht. Lernen fällt bei Dauerbeschallung allgemein schwerer.

 

Wie ist es bei Veranstaltungen? Wie viel Lärm können Kinderohren vertragen? Was ist zu laut?
Petra Sudy: Wenn Kinder sagen können, dass es ihnen zu laut ist bzw. deutliche Signale geben (die Ohren zuhalten) oder vom Lärm weglaufen können, erst dann sollte man eine Veranstaltung besuchen.

Falls eine Familie eine Veranstaltung erleben möchte, auch wenn das Kind noch keine Signale setzen kann, dann sollte unbedingt ein Gehörschutz verwendet werden. Kinder können auch einen Tinnitus bekommen. Womöglich können sie es aber nicht so artikulieren.

 

Sind Ihnen Fälle bekannt wo Kinder bei Veranstaltungen Hörschäden davongetragen haben?
Petra Sudy: Noch nicht, Gott sei Dank. Wenn es nach den Besuch von Veranstaltungen bei Kindern zu einer Wesensveränderung oder zur Klage über Ohrenschmerzen kommt, sollte man unbedingt den HNO-Arzt aufsuchen.

 

Ist das Festlegen eines Grenzwertes ihrer Meinung nach sinnvoll? Wenn ja, wie hoch wäre dieser?
Petra Sudy: Ich persönlich würde eine Grenze bei 85 dB setzen. Bei Kinderveranstaltungen sollte man die Musik unbedingt immer wieder ganz abschalten – da Kinder selbst laut genug sind. Wichtig ist: Lärmpausen machen!

 

Welche Art von Gehörschutz für Kinder würden Sie empfehlen?
Petra Sudy: Kinder wachsen so schnell. Ein konventioneller Gehörschutz würde nicht dauerhaft dichten. Der Kapselgehörschutz ist die sicherste Variante für Kinder. Dieser wächst mit dem Kind mit, der Bügel ist verstellbar. Es gibt den Kapselgehörschutz in vielen bunten Farben, die die Kinder ansprechen.
Bei Konzerten sollten übrigens auch Erwachsene einen Gehörschutz tragen – am besten einen individuell angepassten, der die Lautstärke zwar reduziert, dank eines speziellen Filters kann man sich aber dennoch gut verständigen.

 

Was möchten Sie unseren LeserInnen noch mitgeben? Wie lautet Ihr persönliches Credo?
Petra Sudy: Ich halte das Vorlesen für sehr wichtig, weil es Kreativität, Wortschatz und Grammatik, aber vor allem die Fähigkeit zu bewusstem Zuhören fördert. Dabei sollte sich das Kind nur auf die Stimme, also auf eine Sache konzentrieren und danach wieder Ruhe erfahren. Als Alternative können Kinder auch ein Hörbuch anhören, danach sollte das Gehörte besprochen werden. So können Kinder lernen zu lauschen und bewusst zu hören.

Wir sollten wieder mehr Ruhe zulassen und genießen. Alle Erwachsen sollten hierbei an ihre Vorbildwirkung denken. Kindern sollte es möglich sein, Lauschen zu erlernen. Ruhephasen verhindern, dass das Gehör nicht komplett abstumpft.

 

Das Gespräch führte Doris Glößl vom Kinderbüro. Herzlichen Dank an Frau Petra Sudy und das Hörakustik-Unternehmen Neuroth!

 

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Ein Kommentar zu “Expertinnen-Interview: „Wie viel Schutz benötigen Kinderohren?“”

  1. Heidi Jursitzky sagt:

    Es ist schwierig, vor allem in der Stadt Ruhepole zu finden. Aber wo ein Wille auch ein Weg! Heute, 24. April am Tag gegen Lärm werden wir in der Stadt bei Ständen, darauf hingewiesen kurz auch einmal inne zu halten.

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Über die Autorin/den Autor:

Sonja Buchegger

BSc.

Sonja ist im Kinderbüro für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie liebt es Worte an ihren Platz zu bringen und  strukturiert gerne. Oft fragt sie sich, was im Hintergrund passiert. Das mag mit ihrer zweiten Berufung zur Psychotherapeutin zusammenhängen.

Unsere Ohren brauchen Pausen!