Unsere Reihe zum Thema Coronaimpfung für Kinder und Jugendliche findet seine Fortsetzung in einem ausführlichen Gespräch mit Dr. Sprenger, Mediziner, Autor und Gesundheitswissenschaftler.

Im ersten Teil stehen vor allem medizinische Fragen rund um die Coronaimpfung für Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt. Der zweite Teil beschäftigt sich mit sozialen und gesellschaftlichen Aspekten.

Seit Juni ist der Wirkstoff von Biontech/Pfizer in der EU für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen und in Österreich nimmt die Diskussion über Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche langsam Fahrt auf. Viele Meinungen treffen aufeinander – von vorbehaltslosen Empfehlungen bis hin zu dezidiertem Abraten. Was würden Sie Kindern und Jugendlichen bzw. deren Eltern empfehlen?

Dr. Sprenger: Ich finde die Entscheidung der Ständigen Impfkommission in Deutschland (STIKO) sehr vernünftig: Sie empfiehlt die Impfung für gesunde Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 15 nicht generell, sondern nur bei Vorerkrankungen oder nicht geimpften Risikopersonen im persönlichen Umfeld.* Ihre Argumente sind, dass Kinder und Jugendliche nur selten von schweren Verläufen betroffen sind und dass für diese Altersgruppe das Nutzen-Schaden-Verhältnis nicht vollkommen geklärt ist. Diese Ansicht wird von etlichen Fachkommissionen in Deutschland unterstützt.

* Seit 16.08. gibt es eine neue Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche: RKI - Empfehlungen der STIKO - Mitteilung der STIKO zur Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche (16.8.2021)

Das Nationale Impfgremium (NIG) in Österreich folgt dieser Ansicht jedoch nicht. Es empfiehlt die Impfung für Kinder und Jugendliche. Das wichtigste Argument des Impfgremiums für die Impfung ist der Individualschutz; aus seiner Sicht überwiegt der Nutzen gegenüber dem Risiko von Nebenwirkungen deutlich.

Dr. Sprenger: Ja, wobei es in Österreich viele Kinderärzt*innen gibt, die das gleich sehen wie die STIKO. Ich würde sagen, dass die Mehrheit der Ärzte und Ärztinnen in Österreich eine Impfung der 12- bis 15jährigen nicht als höchste Priorität sieht.

Vielen Eltern bereitet Sorge, dass die Zulassungsstudie Studie mit nur knapp 2000 Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurde und daher wenige Daten zu Wirksamkeit und Nebenwirkungen vorliegen. Wie bewerten Sie die Impfung?

Dr. Sprenger: Diese Studie wurde mit wenigen Kindern durchgeführt, aber die Notfallzulassung in den USA und Kanada läuft seit einigen Monaten. Das National Institute of Health (USA) und das Center of Disease Control (Kanada) führen sorgfältige Studien durch und ich vertraue, dass ihnen die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen viel Wert ist.

Bislang gibt es kaum bedrohliche Signale. Es gibt ein, wenn auch geringes, Risiko von Nebenwirkungen, wie z. B. Herzmuskelentzündungen. Daher raten einige Wissenschafter wie Dr. Mertens oder Dr. Wolf-Dieter Ludwig dazu, sich mit einer generellen Impfempfehlung noch Zeit zu lassen und auf weitere Daten zu warten und diese genau zu prüfen.

Ich persönlich halte die Impfung für viel wirksamer als anfänglich gedacht und ich halte sie auch für sicher.

Man trifft immer wieder auf die Ansicht, dass die Impfung eine bessere Immunantwort aufbaut als eine natürliche Infektion…

Dr. Sprenger: Es ist ein Irrtum. Studien zeigen das Gegenteil: Die natürliche Immunisierung sorgt dafür, dass das Immunsystem das Virus in seiner Gesamtheit aufnimmt und nicht nur die Spikeproteine, das heißt, dass die Gedächtniszellen besser ausgebildet sind und Varianten besser erkannt werden.

Kommen wir zu den Kindern und Jugendlichen: Um ihnen Mitbestimmung und Beteiligung am Entscheidungsprozess zu ermöglichen, brauchen sie altersadäquate Informationen. Wo können sie diese finden?

Dr. Sprenger: Es gibt fast nichts. Was vom Bildungsministerium kommt ist teilweise katastrophal schlecht und verzerrt. Die 15 Kriterien für gute Gesundheitsinformation in Österreich werden hier sicher nicht eingehalten.

Es gibt aber zwei deutschsprachige Seiten, die empfehlenswert sind: medizin-transparent.at und gesundheitsinformation.de. Die Seiten sind grundsätzlich gut, aber sie könnten für Kinder und Jugendliche zielgruppengerechter aufbereitet werden.

Wer sich näher mit dem Thema befassen möchte, dem empfehle ich die Homepage der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI).

Rechtlich gesehen dürfen Jugendliche ab 14 selbst entscheiden, ob sie sich gegen Corona impfen lassen möchten oder nicht; bei Jüngeren ist die Zustimmung der Erziehungsberechtigen notwendig. In der Praxis wird der Entscheidung oftmals eine Diskussion in der Familie vorangehen. Welchen Tipp haben Sie für Eltern für den Umgang mit der Frage Coronaimpfung - ja oder nein?

Dr. Sprenger: Die Entscheidung für eine Impfung sollte aufgrund einer medizinischen Indikation fallen, und zwar in einem gemeinsamen Entscheidungsprozess zwischen Eltern, Kinderärzt*innen oder Hausärzt*innen bei 12- bis 14jährigen bzw. ab 15 mit den Jugendlichen. Hier fehlt es aber an Unterlagen, die den Kindern zeigen, wie wenig bedroht sie sind. Ein Beispiel: Wenn ich 20000 Punkte nehme, so stellen 2 Punkte davon das Risiko für eine schwere Coronaerkrankung dar – durch die Impfung verringert sich das Risiko auf einen Punkt.

Wichtig ist, dass man alles gut bespricht, als Elternteil seinen Standpunkt klar vertritt und betont, dass man froh ist, darüber gemeinsam reden zu können.

Ebenso wichtig sind die Beweggründe der Jugendlichen und sie sollen in der Diskussion berücksichtigt werden. Deshalb sollten diese Argumente auch gehört werden. Wenn Jugendliche zum Beispiel sagen, dass sie genug von den Nasenbohrertests haben, dann ist das zwar der falsche Grund, um sich impfen zu lassen, aber ich kann sie sehr gut verstehen.

Was raten Sie Familien für den Konfliktfall, wenn z. B. die Eltern sich gegen die Impfung aussprechen, der oder die Jugendliche sich aber unbedingt impfen lassen möchte?

Dr. Sprenger: Wichtig ist, dass man miteinander redet und darauf achtete, dass die Vertrauensbasis nicht verloren geht. Als Elternteil sollte man versuchen, die dahinter liegenden Gründe zu verstehen. Es geht oft nicht um die Impfung an sich, sondern um etwas ganz anderes – zum Beispiel, dass man problemlos auf Urlaub fahren kann oder dass fast alle Freunde geimpft sind.

Die Diskussion darf keinesfalls eskalieren; ich rate hier zum Pragmatismus: Ich halte die Impfung nicht für bedrohlich, sie hat zwar Nebenwirkungen, aber diese sind äußerst selten. Ich würde eine Impfung für gesunde Kinder und Jugendliche nicht empfehlen, aber ich würde auch wegen einer Impfung keinen Familienkrieg beginnen, das ist die Impffrage nicht wert!

Tipps:

  • Bitten Sie Ihr Kind, die wichtigsten Beweggründe für die Impfung aufzuschreiben.
  • Reden Sie über die Beweggründe; nicht mit dem Ziel, Ihr Kind von der Impfung abzuhalten, sondern um zu verstehen, weshalb ihm die Impfung wichtig ist – auch gegen Ihren Rat. So redet man nicht darüber, worüber man als Elternteil reden möchte, sondern darüber, worüber das Kind sprechen will.
  • Vertreten Sie klar Ihren Standpunkt, aber…
  • …haben Sie Vertrauen zu Ihrem Kind und respektieren Sie dessen Entscheidung – um des Familienfriedens willen.

Lesen Sie hier Teil 2 des Interviews!

Zum Weiterlesen:

Informationen zu und von Dr. Sprenger: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Sprenger und https://www.facebook.com/GrazPublicHealth

STIKO Infoblatt zur Impfung von Kindern und Jugendlichen

NIG: Covid-Impfung bei Kindern

Höhere Immunität durch Impfung (Beispiel)

15 Qualitätskriterien der Guten Gesundheitsinformation Österreich

Studie „Ciao-Corona“

Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI)

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