Plötzlich ist alles geschlossen. Eine viel zu kleine Wohnung, die aus allen Nähten platzt , kein Balkon, Nordseite, Spielplätze geschlossen, Kinderkrippe geschlossen, keine Großeltern, keine Freund*innen, die vielleicht für ein bis zwei Stunden einmal die Betreuung übernehmen könnten und ein kleines zweijähriges Kind, das die ganze Zeit nur raus will, um seinen Bewegungsdrang zu stillen.

In der Kinderkrippe war das Personal verängstigt und dementsprechend nicht besonders freundlich, als ich Sarah [Name geändert] am Montag, 16. März 2020, noch in die Krippe bringen wollte. Denn erst ab Mittwoch, 18. März, sollte man sein Kind zuhause lassen. Sarah war das einzige Kind, das an diesem Montag noch in die Krippe kam.

„Was macht das mit meinem Kind?“

Wie hat sich das Kind in diesem Moment gefühlt, wo es doch gewohnt ist, dass es in der Krippe viele Spielgefährten antrifft? Plötzlich kam Sarah in einen leeren Raum, sie sah verloren aus. Die Betreuerin wirkte verunsichert. Wie nahm Sarah diese Umgebung wahr? Hat sie geglaubt, es stimmt mit ihr etwas nicht?

Wenn wir während des Lockdowns draußen zum Spazieren waren und die Nachbarkinder getroffen haben, hat Sarah nicht verstanden, warum sie nicht mehr mit ihnen spielen durfte. Sie ist ein sehr offenes Kind ist und braucht unbedingt Gesellschaft.

Später nach Einführung der Maskenpflicht hat sie beim Einkaufen anfangs geweint, als sie die verhüllten Menschen mit ihrem Mund-Nasen-Schutz gesehen hat. Erst langsam hat sie sich daran gewöhnt.

„Home Office hört sich ja nett an.“

Ab Dienstag, den 19. März, habe ich sie dann also auch zuhause gelassen. Mein Arbeitgeber war zum Glück sehr verständnisvoll. Wir haben uns besprochen, dass ich meine Arbeitszeiten während dieser Zeit möglichst flexibel einteilen kann.

Apropos Arbeit: Ich wurde in Kurzarbeit geschickt. Als Alleinerziehende ist das Geld ohnehin immer knapp. Meinen Nebenjob konnte ich gar nicht mehr ausführen.

Nach zwei Wochen war ich komplett erschöpft. Home Office zu machen hört sich ja recht nett an. Wenn jedoch ein kleines Kind quengelnd daneben steht, das bei jedem Griff zur Tastatur einem gleich die Finger davon wegreißt, können die Nerven schon einmal blank liegen. Home Office war also neben Sarah so gut wie unmöglich.

„Ohne Rechtfertigung. Ohne schiefe Blicke.“

Schließlich kam die Info, dass Alleinerziehende wieder die Möglichkeit haben ihre Kinder in die Betreuung zu geben. Das habe ich nach zwei Wochen kompletter Erschöpfung und ohne jegliche Hilfe und Unterstützung dann auch wieder getan. Es war auch schon klarer, dass kleinen Kindern durch das Virus nicht so viel passieren kann und ich im Falle einer Ansteckung als gesunder Mensch eine solche potentielle Ansteckung wohl hoffentlich auch einigermaßen gut überstehen würde. Zu älteren Menschen und Risikogruppen hatten wir keinen persönlichen Kontakt. Wir hatten ohnehin zu überhaupt niemandem persönlichen Kontakt, sodass ich mich dazu entschloss Sarah nach diesen wirklich unglaublich harten zwei Wochen wieder in die Krippe zu geben.

Mittlerweile war das Krippenpersonal wieder entspannter und freundlich. Das hat sehr gut getan. Sarah war gut dort aufgehoben. In den ersten eineinhalb Wochen war sie weiterhin das einzige Kind in der Betreuungsstätte. Erst nach und nach kamen vereinzelt ein paar weitere Kinder dazu.

Nun ist alles einigermaßen überstanden. Ich hätte mir gewünscht, dass von offizieller Stelle aus anders kommuniziert worden wäre. Dass Alleinerziehende oder andere Personen, die ihre Kinder in eine Betreuungseinrichtung geben mussten, dies auch wirklich ohne schlechtes Gewissen hätten tun können. Ohne Rechtfertigung. Ohne schiefe Blicke.

Die Mutter, die uns dankenswerterweise diesen Einblick in ihre Erfahrungen gab, möchte anonym bleiben.

Erstellt am 09.06.2020

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